Stöttham – ein Meteoriteneinschlag im archäologischen Befund
Ein außergewöhnlicher Fundort
Stöttham liegt am Ostufer des Chiemsees, als nördlicher Ortsteil Chiemings. Bei einer archäologischen Rettungsgrabung in den Jahren 2007/2008 wurde hier eine Siedlungsstelle untersucht, die vom Neolithikum über die Bronzezeit bis in die Römerzeit wiederholt genutzt worden war. Die Grabung erfasste auf einer Hangfläche eine komplexe Abfolge archäologischer und geologischer Schichten.
Besondere Aufmerksamkeit erregte eine bis etwa 60 cm mächtige, auffällig unsortierte Schicht innerhalb dieser Abfolge. Sie enthält stark zerbrochene und veränderte Gesteine sowie Holzkohle, Holzreste, Knochen, Zähne und archäologische Funde. Frühe geologische Untersuchungen ergaben Hinweise auf außergewöhnlich hohe Temperaturen und Drücke, die auf Einwirkungen durch den Chiemgau Impakt zurückgeführt wurden.
Die Interpretation dieser Schicht blieb allerdings nicht unumstritten. Eine bodenkundlich-geomorphologische Untersuchung deutete die Ablagerungsfolge als weitgehend ungestörte nacheiszeitliche kolluviale Verfüllung einer Geländerinne.
Neuere Untersuchungen an Proben aus diesem Schichtzusammenhang erhärteten allerdings die ursprüngliche Interpretation, dass die Ablagerung vom Impaktgeschehen beeinflusst worden war.
Die vermeintlichen „Schlacken“
Besonders aufschlussreich waren sechs unscheinbare Stücke aus dem archäologischen Schichtverband. Bei der Ausgrabung waren sie zunächst als „Schlacke“, „Eisenschlacke“ beziehungsweise eisenhaltige Objekte angesprochen worden. Spätere Untersuchungen mit dem Polarisationsmikroskop sowie mittels Rasterelektronenmikroskopie und Elementanalysen (SEM-EDS) ergaben jedoch ein völlig anderes Bild.
Die Stücke bestehen aus komplex miteinander verbundenen Gesteins- und Metallbestandteilen. In den Gesteinskomponenten wurde ein ganzes Spektrum von Merkmalen einer starken Schockbeanspruchung festgestellt. Dazu gehören insbesondere mehrere Sets planarer Deformationsstrukturen (PDFs) in Quarz, diaplektisches Glas und Ballenstrukturen. Hinzu kommen Gesteinsschmelzen und weitere Hinweise auf extreme thermische Beanspruchung.
Die zunächst als Schlacken angesprochenen Stücke zeigen damit eine ungewöhnliche Kombination unterschiedlicher Schock- und Hochtemperaturmerkmale und werden als Impaktgesteine angesprochen. Noch bemerkenswerter sind ihre metallischen Bestandteile.
Artefakte werden Teil eines Impaktgesteins
In mehreren Proben wurden Reste von Eisen nachgewiesen, in einer weiteren Probe eine stark bleihaltige Bronze. Zusammensetzung und Beschaffenheit weisen diese Metalle als Überreste bearbeiteter metallischer Gegenstände und nicht als natürliche Metallpartikel aus.
Dabei liegen Metall und Impaktgestein nicht lediglich nebeneinander. Die metallischen Bestandteile sind mit geschmolzenem und schockmetamorph verändertem Gestein eng verbunden und teilweise bis in die innere Struktur der Proben miteinander vermischt.
In Stöttham wurden damit Reste menschlicher Artefakte zu Bestandteilen von Impaktgesteinen. Für diese ungewöhnliche Verbindung wurde der Begriff „Artefakt-im-Impaktit“ (artifact-in-impactite) vorgeschlagen. Nach Kenntnis der Autoren der Untersuchungen waren Stöttham und Mühlbach die ersten beschriebenen Fundorte, an denen von Menschen hergestellte Gegenstände auf diese Weise Bestandteil eines Impaktgesteins geworden sind.
Bedeutung des Fundortes
Stöttham verbindet damit zwei Befundwelten unmittelbar miteinander: Spuren einer starken Schock- und Hitzeeinwirkung und Hinterlassenschaften einer prähistorisch genutzten Siedlungsstelle. Die besondere Bedeutung liegt dabei nicht allein im gemeinsamen Auftreten archäologischer Funde und von Impaktgesteinen, sondern in ihrer unmittelbaren materiellen Verbindung. Damit liefert Stöttham einen außergewöhnlich direkten geoarchäologischen Befund für die Einwirkung des Chiemgau-Impakts auf eine prähistorisch genutzte Kulturlandschaft.
Die in die Impaktgesteine eingeschlossenen Reste von Bronze- und Eisenartefakten sind zugleich für die zeitliche Einordnung des Ereignisses von großer Bedeutung. Sie müssen bereits vorhanden gewesen sein, als sie durch das Impaktgeschehen verändert und mit dem Gestein verbunden wurden. Zusammen mit weiteren archäologischen und naturwissenschaftlichen Datierungsbefunden tragen die Funde von Stöttham wesentlich zur Eingrenzung des Chiemgau-Impakts auf den Zeitraum von etwa 900 bis 600 v. Chr. bei. Die Datierungsbefunde und ihre Bewertung werden im Abschnitt „Datierung“ zusammengeführt.
