Kulturelle Überlieferung
Mythen können Erinnerungen an außergewöhnliche Naturereignisse über viele Generationen hinweg bewahren. Dabei werden reale Beobachtungen in die Vorstellungswelt und Bildsprache ihrer Zeit übersetzt: Naturkräfte erscheinen als handelnde Götter, ein Himmelskörper als göttliches Fahrzeug, eine Explosion als Blitz des Zeus. Mit solchen möglichen Zusammenhängen zwischen Naturereignissen und ihrer Überlieferung in Mythen beschäftigt sich die Geomythologie.
Phaethon und der Chiemgau Impakt – ein antiker Mythos als Erinnerung an eine kosmische Katastrophe?
Der griechische Mythos vom Sturz des Phaethon weist eine ungewöhnliche Fülle von Einzelheiten auf, die sich als Beschreibung eines großen Impaktereignisses lesen lassen. Bemerkenswerte Parallelen bestehen zum Chiemgau Impakt.
Der „Crash“ des Sonnenwagens
Phaethon ist der Sohn des Sonnengottes Helios. Er möchte für einen Tag den Sonnenwagen seines Vaters lenken. Doch er kann das Gespann nicht auf seiner gewohnten Bahn halten. Der Wagen gerät außer Kontrolle, kommt der Erde zu nahe und setzt Himmel und Erde in Brand. Um eine noch größere Katastrophe zu verhindern, trifft Zeus Phaethon mit seinem Donnerkeil. Der Sonnenwagen zerbricht, Phaethon stürzt brennend zur Erde und fällt in den Fluss Eridanos.
Die verschiedenen antiken Fassungen schildern das Geschehen mit zahlreichen weiteren Einzelheiten. Phaethon ist halb verbrannt und von pechschwarzer Dunkelheit umgeben, während sein Haar feurig glüht. Asche bedeckt das Land, Brände brechen aus und der Himmel verdunkelt sich. Gewässer werden heiß, die Erde erbebt und senkt sich ab. Neptun erhebt sich aus dem Wasser, muss sich wegen der gewaltigen Hitze jedoch wieder zurückziehen. Aus dem Gewässer, in das Phaethon gefallen ist, steigen giftige Dämpfe auf. Seine Schwestern, die Heliaden, verwandeln sich nach seinem Tod in Bäume und ihre Tränen werden zu Bernstein.
Diese Motive ergeben zusammengenommen eine auffällige Abfolge: die Annäherung einer leuchtenden Himmelserscheinung, ihre explosionsartige Fragmentierung, der Absturz glühender Teile, Feuer und Staub, eine Verdunkelung des Himmels, Erschütterungen des Bodens sowie heftige Reaktionen von Gewässern. Eine solche Abfolge lässt sich mit dem Eintritt und Einschlag eines größeren kosmischen Körpers vergleichen.
Ein Himmelskörper aus Richtung der aufgehenden Sonne
Phaethons Fahrt beginnt am Morgen. Als Naturbeobachtung gelesen, könnte darin die Erinnerung an einen Himmelskörper stecken, der aus Richtung der aufgehenden Sonne kam. Auch die Ausrichtung des Chiemgauer Kraterstreufeldes passt zu einem Anflug aus nordöstlicher Richtung.
Der Donnerkeil des Zeus und das Zerbrechen des Sonnenwagens
Besonders eindrücklich ist der Augenblick, in dem Zeus seinen Donnerkeil schleudert und der Sonnenwagen in Stücke zerbricht. Bei einem großen Meteoroiden kann während des Fluges durch die Atmosphäre eine katastrophale Fragmentierung stattfinden.
Dazu passt eine wesentliche Besonderheit des Chiemgau Impakts: Es handelt sich nicht um eine einzelne Struktur, sondern um ein ausgedehntes Streufeld von etwa 60 × 30 Kilometern. Die Vielzahl der Einschlagstellen wird mit der Fragmentierung des kosmischen Körpers vor beziehungsweise während des Impakts erklärt. Der zerbrechende Sonnenwagen und seine zur Erde stürzenden Teile ergeben dafür ein bemerkenswert anschauliches Bild.
Phaethons feuriger Sturz
Phaethon fällt halb verbrannt zur Erde, von pechschwarzer Dunkelheit umgeben, während Brust und Haar feurig glühen. Auch diese eigentümliche Verbindung von Dunkelheit und leuchtendem Feuer lässt sich mit der Erscheinung eines großen Meteors vergleichen: mit dem hellen Leuchten des Atmosphärenflugs und einer dunklen Staubspur.
Feuer, Asche und ein verdunkelter Himmel
Nach Phaethons Sturz brennt die Erde. Asche fällt herab und der Himmel verdunkelt sich; in einer Überlieferung bleibt die Sonne für einen Tag verborgen. Auch im Chiemgau finden sich Befunde, die mit extremer Hitze und Bränden in Verbindung gebracht werden: verglastes Gestein und geschmolzenes Material sowie Holzkohle und glasartiger Kohlenstoff.
Hinzu kommen mikroskopisch kleine kohlenstoffreiche Kügelchen, die nicht nur im Chiemgau, sondern auch an anderen Orten Europas gefunden und mit einem großräumigen Fallout in Verbindung gebracht wurden. Ob und in welchem Ausmaß feine Partikel nach dem Chiemgau Impakt die Atmosphäre belasteten und das Sonnenlicht abschwächten, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.
Die Erde bebt – und liegt danach tiefer
Eine der erstaunlichsten Passagen betrifft die Erdgöttin Tellus. Nach Ovids Version erschüttert ein heftiges Beben die Erde; anschließend sitzt Tellus „etwas tiefer als zuvor“.
Im Gebiet des Tüttensees weisen gravimetrische Messungen auf Veränderungen des Untergrundes hin, die als Folge von Bodenverflüssigung und Verdichtung interpretiert werden. Bei einer starken Stoß- und Erdbebenwirkung können sich lockere, wasserreiche Sedimente verdichten. Der Boden kann sich dadurch absenken.
Das mythologische Bild einer Erde, die heftig erschüttert wird und anschließend tiefer liegt, lässt sich daher mit einem physikalisch möglichen Vorgang verbinden.
Neptun und die Wellen des Chiemsees
Auch Wasser spielt im Mythos eine auffällige Rolle. Neptun, der Gott des Meeres und der Gewässer, erhebt sich dreimal aus den Wogen, muss sich wegen der unerträglichen Hitze jedoch immer wieder zurückziehen. Eine weitere Überlieferung berichtet von einer Flut unmittelbar nach Phaethons Sturz.
Im Umfeld des Chiemsees wurden Sedimentbefunde als Hinweise auf große Wellen interpretiert. Bei Chieming-Stöttham am Ostufer findet sich eine Schicht, in der Merkmale des Impaktereignisses mit Hinweisen auf eine vom See kommende Flutwelle zusammentreffen.
Das dreimalige Emporsteigen und Zurückweichen Neptuns lässt sich vor diesem Hintergrund als mythologische Beschreibung aufeinanderfolgender großer Wellen lesen.
Hitze und giftige Dämpfe
Die antiken Texte berichten zudem von heißem oder kochendem Wasser und von giftigen Dämpfen aus dem Gewässer, in das Phaethon gestürzt war. Stellenweise sind im Chiemgau stark korrodierte Gesteine aufzufinden, die mit intensiver Säureeinwirkung in Verbindung gebracht werden. Unter den extremen chemischen und thermischen Bedingungen eines großen Impaktereignisses könnten aggressive Gase entstanden sein.
Die „Bernsteintränen“ der Heliaden
Nach Phaethons Tod trauern seine Schwestern, die Heliaden. Sie verwandeln sich in Bäume; ihre Tränen werden zu Bernstein.
Im Chiemgau wurden verbrannte, verkohlte und stark deformierte Holzreste beschrieben. Schwer verletzte, aber überlebende Bäume können verstärkt Harz produzieren. Bei den durch das Tunguska-Ereignis 1908 geschädigten Bäumen konnten traumatisch entstandene Harzkanäle nachgewiesen werden. Ein Baum, aus dessen Verletzungen große Mengen Harz austreten, kann im Bild des Mythos geradezu „weinen“.
Wo stürzte Phaethon zur Erde?
Auch die geografischen Angaben des Mythos sind von Interesse. Phaethon fällt in den Eridanos. Dieser sagenhafte Fluss wurde schon in der Antike sehr unterschiedlich lokalisiert – unter anderem am Po, an Rhône oder Rhein, aber auch allgemein im Norden oder Westen Europas. Eine exakte Identifizierung ist daher nicht möglich. Andere antike Überlieferungen sprechen allerdings ausdrücklich von einem See als Ort des Sturzes.
Noch deutlicher ist eine zweite geografische Tradition: Mehrere antike Autoren verlegen Phaethons Sturz in das Land der Kelten oder berichten, dass die Geschichte bei den „Kelten des Westens“ bekannt gewesen sei. Eine Überlieferung beschreibt sogar einen vom Himmel geschickten Feuerball, der im Keltenland Menschen und Landschaft verbrannt habe, und verbindet dieses Ereignis ausdrücklich mit der griechischen Phaethon-Erzählung.
Der Chiemgau fügt sich auffällig in diese Angaben ein. Er liegt aus mediterraner Sicht im nördlichen beziehungsweise westlichen Europa und in einer Region, die zum Kerngebiet der späteren keltischen Kultur gehörte. Mit dem Chiemsee befindet sich zudem ein großer See unmittelbar im betroffenen Gebiet. Keine dieser Angaben allein erlaubt eine sichere Lokalisierung. In ihrer Kombination ergeben sie jedoch ein bemerkenswert geschlossenes geografisches Muster.
Mythos und Impakt – passt auch die Zeit?
Die Geschichte von Phaethons verhängnisvoller Fahrt ist spätestens 428 v. Chr. literarisch belegt: In diesem Jahr wurde Euripides' Hippolytos aufgeführt. Das Motiv des von Pferden gezogenen Sonnenwagens und archäologische Vergleichsdaten setzen für die Entstehung der Überlieferung auf der anderen Seite eine ungefähre Grenze um 2000 v. Chr. Ein Naturereignis, das den Mythos ausgelöst haben könnte, müsste demnach innerhalb dieses Zeitraums stattgefunden haben.
Vor allen Dingen aufgrund archäologischer Funde in Chieming-Stöttham und am Mühlbach östlich vom Tüttensee wird der Chiemgau Impakt in die Zeit etwa zwischen 900 und 600 v. Chr. datiert.
Damit überschneiden sich die Zeiträume von Phaethon-Überlieferung und Chiemgau Impakt deutlich.
Ein Geomythos?
Der Phaethon-Mythos lässt sich somit auf zwei Ebenen lesen. Als Mythos erzählt er vom Sohn des Sonnengottes, der die kosmische Ordnung verletzt und für seine verhängnisvolle Fahrt mit dem Leben bezahlt. Als Geomythos gelesen, könnte dieselbe Geschichte zugleich Erinnerungen an eine außergewöhnliche Naturkatastrophe bewahren.
Dabei ist weniger ein einzelnes Motiv entscheidend als ihre Kombination: eine leuchtende Erscheinung aus Richtung der Morgensonne; eine gewaltige Explosion; die Fragmentierung des Himmelskörpers; glühende und von dunklem Staub umgebene Fragmente; Feuer und Asche; die Verdunkelung der Sonne; ein heftiges Beben mit Bodenabsenkung; große Wellen; giftige Dämpfe sowie harzende Bäume. Hinzu kommen die geografischen Hinweise auf Nord- oder Westeuropa, das Keltenland und einen See sowie eine mit dem Chiemgau Impakt vereinbare zeitliche Einordnung.
Eine solche Übereinstimmung ist kein Beweis dafür, dass jede Einzelheit des Mythos unmittelbar auf den Chiemgau Impakt zurückgeht. Mündliche Überlieferungen verändern sich, unterschiedliche Erzähltraditionen können miteinander verschmelzen und mythische Bilder besitzen immer auch eine eigene religiöse und literarische Bedeutung. Die außergewöhnliche Dichte der Parallelen eröffnet jedoch die Möglichkeit, dass im Sturz des Phaethon die kulturelle Erinnerung an ein reales kosmisches Ereignis im prähistorischen Europa erhalten geblieben ist – an den Chiemgau Impakt.
„Dass der Himmel ihnen auf den Kopf fiele“
Eine zweite antike Überlieferung erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung.
Im Jahr 335 v. Chr. traf Alexander der Große an der Donau mit keltischen Gesandten zusammen. Der griechische Geograph Strabo überliefert später die Geschichte:
„Nachdem der König sie freundlich empfangen hatte, habe er sie beim Zechen gefragt, was es sei, das sie am meisten fürchteten, in der Meinung, sie würden sagen: ihn; sie selber aber hätten geantwortet: nichts, es sei denn, dass der Himmel ihnen auf den Kopf fiele.“
Strabo, Geographie 7,3,8
Üblicherweise wird die Episode als Charakterisierung der sprichwörtlichen Furchtlosigkeit der Kelten verstanden. Alexander erwartet, dass die Fremden ihn als größte Bedrohung nennen. Stattdessen antworten sie mit etwas scheinbar Unmöglichem: Sie fürchten nur, dass der Himmel auf sie herabstürzen könnte.
Für Menschen, deren kulturelle Überlieferung möglicherweise die Erinnerung an eine solche Katastrophe bewahrte, könnte dieser Satz jedoch noch eine zweite Bedeutung besessen haben. Zwischen dem auf etwa 900 bis 600 v. Chr. datierten Chiemgau Impakt und der Begegnung von 335 v. Chr. lagen nur wenige Jahrhunderte – und die Aussage wird gerade Kelten zugeschrieben.
Auch hier gilt: Der Satz bei Strabo ist kein Beweis für eine Erinnerung an den Chiemgau Impakt. Zusammen mit der Phaethon-Überlieferung wirft er jedoch eine bemerkenswerte Frage auf: Hatte sich die Erinnerung an eine Katastrophe vom Himmel über Generationen hinweg erhalten – in mythischen Erzählungen ebenso wie in der Vorstellung, dass selbst furchtlose Menschen eines fürchten mussten: dass der Himmel auf sie herabstürzt?
