Forschungsgeschichte

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Forschungsgeschichte

Die Erforschung des Chiemgau Impakts begann nicht mit der Suche nach einem Meteoriteneinschlag. Am Anfang standen ungewöhnliche Funde, die Anfang der 2000er Jahre von Heimatforschern und erfahrenen Amateurarchäologen im Raum Altötting und Burghausen gemacht wurden. Bei Geländebegehungen und Prospektionen stießen sie im Boden auf auffällige metallische Partikel. Zugleich fiel auf, dass solche Funde wiederholt in der Umgebung kreisförmiger, teilweise von deutlichen Wällen umgebener Geländeformen auftraten. Aus der zunächst lokalen Beobachtung entwickelte sich die Frage, ob zwischen beiden Erscheinungen ein Zusammenhang bestehen könnte.

Erste wissenschaftliche Untersuchungen

Die ungewöhnlichen Funde weckten bald auch das Interesse von Wissenschaftlern. In der frühen Forschungsphase untersuchten verschiedene Forscher und Arbeitsgruppen einzelne Materialien und Strukturen mit unterschiedlichen Methoden. Eine wichtige Rolle spielten dabei die ungewöhnlichen metallischen Funde. Untersuchungen identifizierten darin unter anderem die seltenen Eisensilizide Gupeiit (Fe₃Si) und Xifengit (Fe₅Si₃). Zugleich begannen geologische, mineralogische und geophysikalische Untersuchungen einzelner kraterähnlicher Strukturen. Zu den früh intensiv untersuchten Objekten gehörte der nur etwa 11 Meter große Krater 004 bei Emmerting.

Das Chiemgau Impact Research Team

2004 schlossen sich die ursprünglichen Entdecker mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen informell zum Chiemgau Impact Research Team (CIRT)* zusammen. Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung, Untersuchung und wissenschaftlichen Untermauerung der Impakthypothese übernahm der Geologe und Geophysiker Kord Ernstson. Im CIRT wurden Geologie und Geophysik mit Mineralogie, Petrographie, Astronomie und Archäologie verbunden. Mit zunehmender Geländearbeit zeigte sich zugleich, dass es nicht um einige wenige kleine Strukturen ging. Zahlreiche kreisförmige Vertiefungen wurden vermessen, kartiert und anhand von Luftbildern, älteren Karten und später auch digitalen Geländemodellen untersucht. Aus den zunächst lokalen Beobachtungen entwickelte sich die Hypothese eines ausgedehnten, annähernd elliptischen Kraterstreufeldes zwischen dem Alpenrand und dem Inn-Salzach-Raum. Eine umfangreiche Gesamtdarstellung des damaligen Forschungsstandes beschrieb 2009 bereits mehr als 80 erfasste Kraterstrukturen in einem etwa 60 × 30 Kilometer großen Gebiet.

Neue Materialien und Untersuchungsmethoden

In den folgenden Jahren verlagerte sich die Forschung zunehmend von der bloßen Erfassung möglicher Krater auf die Untersuchung der Gesteine und Materialien. Dünnschliffuntersuchungen, Raster- und Transmissionselektronenmikroskopie, Röntgenanalytik und weitere Verfahren erschlossen ein immer breiteres Spektrum ungewöhnlicher Befunde. Untersucht wurden unter anderem Schmelzprodukte, starke mechanische und thermische Veränderungen von Geröllen sowie schockmetamorphe Mineraldeformationen.

Gleichzeitig kamen weitere Befundgruppen hinzu. Besondere Kohlenstoffmaterialien, darunter Kohlenstoffsphärulen und später der sogenannte Chiemit, wurden mit unterschiedlichen analytischen Verfahren untersucht. Auch die Eisensilizide blieben Gegenstand fortgesetzter Untersuchungen; ihre Fundverteilung und ungewöhnliche mineralogische Zusammensetzung wurden über viele Jahre immer detaillierter erfasst.

Immer mehr erweiterte sich das Spektrum der untersuchten Phänomene. Ein Beispiel sind die sogenannten Donnerlöcher nördlich des Chiemsees. Ausgrabungen und geophysikalische Messungen führten hier zur Interpretation unterirdischer Strukturen als Folgen einer Bodenverflüssigung, wie sie durch starke dynamische Beanspruchung ausgelöst werden kann. Damit rückten neben Kraterbildung und Materialveränderungen zunehmend auch mögliche Begleiterscheinungen des Ereignisses in den Blick.

Die Verbindung zur Archäologie

Eine weitere Entwicklungslinie entstand aus der Zusammenarbeit mit der Archäologie. Funde vom Mühlbach beim Tüttensee und insbesondere aus der archäologischen Grabung von Chieming-Stöttham eröffneten die Möglichkeit, geologische Impaktbefunde mit Zeugnissen menschlicher Anwesenheit zu verbinden. Zugleich ergaben sich daraus neue Ansätze für die Datierung des Ereignisses.

Forschung, Verein und Vermittlung

Mehr als zwei Jahrzehnte nach den ersten Funden ist aus den anfänglichen Geländeentdeckungen ein breit angelegtes interdisziplinäres Forschungsprojekt geworden. Seine Entwicklung verlief nicht geradlinig: Neue Fundorte, neue Materialien, neue Fragestellungen und neue Untersuchungsmethoden haben das Forschungsfeld immer wieder erweitert. Heute verbindet die Erforschung des Chiemgau Impakts Geländearbeit und Geophysik mit Petrographie, Mineralogie, Materialanalytik, Archäologie und weiteren Disziplinen.

Seit 2006 wird die Erforschung des Chiemgau Impakts vom gemeinnützigen Chiemgau Impakt e.V. begleitet und gefördert. Seit 2009 werden Forschungsergebnisse im Chiemgau Impakt Museum in Grabenstätt präsentiert; ein „Meteoritenwanderweg“ um den Tüttensee besteht seit 2010.

Beteiligte Forscher und Kooperationen

*Das CIRT vereinte von Beginn an wissenschaftlich qualifizierte Fachleute unterschiedlicher Disziplinen mit erfahrenen Heimatforschern und Amateurarchäologen, deren detaillierte Ortskenntnis und langjährige Geländeerfahrung für die Entdeckung und Dokumentation zahlreicher Fundstellen von wesentlicher Bedeutung waren. Am CIRT waren bzw. sind im Laufe seiner Geschichte unter anderem folgende Personen beteiligt (in alphabetischer Reihenfolge):

Darüber hinaus wurden und werden nationale und internationale wissenschaftliche Kooperationen gepflegt:

  • Dr. Frank Bauer – Naturwissenschaftler, analytische Materialuntersuchungen; Oxford Instruments, NanoAnalysis.
  • Dr. Michael Hiltl – Elektronenmikroskopie und Materialanalytik; ehemals Carl Zeiss Microscopy GmbH, Oberkochen.
  • Dr. Sergey I. Isaenko – Geologie und Mineralogie; Institut für Geologie des Wissenschaftszentrums Komi, Russische Akademie der Wissenschaften, Syktywkar, Russland.
  • Prof. Dr. Ioannis Liritzis – Archäometrie und Naturwissenschaften in der Archäologie; Distinguished Professor, Chuzhou University, China, und Professor, Alma Mater Europaea, Slowenien. Wissenschaftliche Homepage
  • Werner Mehl – Kurzzeitmesstechnik und experimentelle Untersuchungen. www.kurzzeit.com
  • Dr. Georgios Polymeris – Physiker, Lumineszenzdatierung und Archäometrie; Nationales Forschungszentrum „Demokritos“, Institut für Nanowissenschaft und Nanotechnologie, Griechenland.
  • Prof. Jorge Sanjurjo Sánchez – Geowissenschaftler, Geochronologie und Lumineszenzdatierung; Universidade da Coruña, Spanien. Universitätsprofil
  • Dr. Dirk Sudhaus – Geographie und geowissenschaftliche Untersuchungen; ehemals Universität Augsburg.
  • Dr. Tatyana G. Shumilova – Mineralogie, Kohlenstoffmaterialien und Impaktgesteine; Institut für Geologie des Wissenschaftszentrums Komi, Russische Akademie der Wissenschaften, Syktywkar, Russland.
  • Rudi Tengler – Geophysikalische Untersuchungen und Bodenradarmessungen; Prag, Tschechien.
  • Prof. Dr. Nikolas Zacharias († 2024) – Archäometrie und naturwissenschaftliche Datierungsmethoden; Universität der Peloponnes, Griechenland.

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