Geoarchäologische Befunde – der Impakt im archäologischen Kontext
Ein Impakt in einer besiedelten Landschaft
Der Chiemgau Impakt ereignete sich in einer Landschaft, die seit Jahrtausenden von Menschen genutzt und besiedelt wurde. Für die Zeit des Ereignisses – ungefähr 900 bis 600 v. Chr. – war die Region Teil einer bronze- beziehungsweise früheisenzeitlichen Kulturlandschaft. So stellt sich eine Frage, die bei prähistorischen Impakten nur selten beantwortet werden kann: Lässt sich das Ereignis unmittelbar im archäologischen Befund nachweisen?
Im Chiemgau ist dies an zwei Fundorten möglich. Bei Mühlbach nahe dem Tüttensee und bei Chieming-Stöttham am Ostufer des Chiemsees treten archäologische Hinterlassenschaften in unmittelbarem Zusammenhang mit Gesteinen und Materialien auf, die durch das Impaktereignis verändert wurden. Beide Fundorte unterscheiden sich deutlich in ihrer geologischen und archäologischen Situation – und ergänzen sich gerade dadurch.
Zwei Fundorte – zwei unterschiedliche Situationen
Bei Mühlbach liegt der archäologische Befund im Bereich der Auswurfmassen des Tüttensee-Kraters. Scherben und Haustierknochen wurden dort mit ausgeworfenem Gestein vermischt. Damit sind menschliche Hinterlassenschaften unmittelbar mit den Ejekta des Kraters verbunden.
Anders ist die Situation in Stöttham. Dort wurde bei einer archäologischen Ausgrabung eine komplexe Schichtenfolge erschlossen, die eine wiederholte Besiedlung vom Neolithikum bis in die römische Zeit dokumentiert. In diesem archäologischen Zusammenhang fanden sich Gesteine mit Schock- und Hochtemperaturmerkmalen. Besonders ungewöhnlich und aufschlussreich sind Stücke, in denen Reste von Bronze- und Eisenartefakten mit schockmetamorph verändertem und aufgeschmolzenem Gesteinsmaterial verbunden sind.
Damit dokumentieren Mühlbach und Stöttham das Ereignis auf unterschiedliche Weise: In Mühlbach ist der Kraterauswurf mit Zeugnissen menschlicher Gegenwart verbunden; Stöttham überliefert Zeugnisse des Impakts innerhalb einer archäologischen Stratigraphie.
Artefakte werden Bestandteil von Impaktgestein
Von besonderer Bedeutung ist ein Befund, der an beiden Fundorten auftritt: Von Menschen hergestellte Gegenstände beziehungsweise ihre Reste wurden in Gesteine einbezogen, die während des Impaktgeschehens entstanden oder verändert wurden. Für solche Stücke wurde die Bezeichnung „artifact-in-impactite“ vorgeschlagen – ein Artefakt als Bestandteil eines Impaktgesteins.
Besonders deutlich ist dies in Stöttham. Dort bestehen mehrere ursprünglich als „Schlacken“ angesprochene Stücke aus einer ungewöhnlichen Verbindung von Gesteins- und Metallbestandteilen. Die Gesteinskomponenten zeigen unter anderem Schockmetamorphose; die metallischen Bestandteile erwiesen sich als Reste verarbeiteter Bronze beziehungsweise von Eisen. Damit treffen in demselben Fundstück zwei voneinander unabhängige Informationsbereiche zusammen: mineralogische Spuren eines Impakts und materielle Hinterlassenschaften des Menschen.
Was bedeutete der Impakt für die Menschen?
Die Befunde von Mühlbach und Stöttham führen über die Geologie des Chiemgau Impakts hinaus. Sie zeigen, dass das Ereignis eine besiedelte und genutzte Kulturlandschaft traf. Menschen lebten im betroffenen Gebiet, und ihre materiellen Hinterlassenschaften wurden unmittelbar vom Impaktgeschehen erfasst.
Damit stellt sich eine weiterführende Frage: Was bedeutete eine kosmische Katastrophe dieser Größenordnung für die Menschen, die sie erlebten? Welche Folgen hatte sie für ihre Lebensräume, Siedlungen und Lebensgrundlagen – und welche Spuren könnte ein solches außergewöhnliches Ereignis in Kultur und Überlieferung hinterlassen haben?
Die geoarchäologischen Befunde allein können diese Fragen nicht beantworten. Sie markieren jedoch einen entscheidenden Übergang: Der Chiemgau Impakt war nicht nur ein geologisches Ereignis, sondern zugleich ein Ereignis menschlicher Geschichte – und damit stellt sich die Frage nach seinen kulturellen Auswirkungen.
